Mateescu denkt nach.

 

 

 

Wer zurückdenken will, bediene sich des Kontaktformulars. 

#fanmail #kommentar

16. Juni 2019

 

 

«Sie sagen, dass sie unser Klima schützen, doch sie zerstören nur unsere Natur»

 

 

In den mittleren Neunzigern war ich Teil einer Gruppe, die in den Schweizer Alpen eine Wasserpipeline für einen Bauern baute. Ihr könnt euch die Freude dieses Mannes nicht vorstellen, als die Leitung fertiggestellt war. Endlich musste er nicht mehr jeden Tag den Hang hinaufstapfen, um Wasser zu holen. Von der Natur verzaubert fragten wir uns damals, wann die Menschheit endlich etwas für den Naturschutz unternimmt. Und wir kamen zum Schluss, dass die erst geschehen würde, wenn Naturschutz ein Business ist.

 

Nun, 25 Jahre später, sind wir genau an diesem Punkt. Mit dem feinen Unterschied, dass wir nicht von Umweltschutz, sondern vom Klimaschutz reden. Unentwegt. Auf reisserische Weise. Und dabei haben wir nur ein einziges Thema im Fokus: CO2. Wir reden über die Besteuerung von Flugtickets und Benzin. Vor zwei Wochen gab es sogar eine Philosophie-Debatte im SRF, die allen Ernstes die Frage stellte, ob Kinder bekommen noch zuträglich sei. Ob es den Eltern überhaupt erlaubt sein sollte, darüber zu bestimmen, Nachwuchs in die Welt zu stellen, oder ob dies Sache der Allgemeinheit sei. So als hätte man komplett vergessen, welches Desaster die 1-Kind-Politik über China gebracht hat.

 

Der Mangel an Frauen (man kann’s nicht anders nennen) geht so weit, dass Familien in den umliegenden Ländern ihre Töchter gegen Profit nach China „vermitteln“. Unter sehr fragwürdigen Umständen. Auch Überbevölkerung wurde als heiliges Argument ins Feld geführt. Doch in fast allen Ländern, in denen Frauen über den eigenen Körper bestimmen können, sind die Geburtsraten rückläufig. Der Gleichstellung sei Dank.

 

Eine Philosophin brachte es in jener Sendung wenigstens wie folgt auf den Punkt: Es scheine nicht darum zu gehen, das Klima zugunsten künftiger Generationen zu retten, sondern vielmehr das Klima vor zukünftigen Generationen. Klimaschutz ist nur ein Teil von Umweltschutz. Wir fracken wie die Wilden, roden die Regenwälder, versprühen Pflanzenschutzgift in alle Winde, wir werfen unseren Kunststoff in die Meere, wir privatisieren das Saatgut (Bayer) und privatisieren das Grundwasser (Nestlé).

 

#business

 

Richtig schlimm wird es allerdings, wenn wir uns die Bilanz von erneuerbaren Energien ansehen, wie etwa Wasserkraft. Staudämme sind des Grauens. In Brasilien waren 2011 über tausend Staudämme im Amazonas-Gebiet geplant. Damals bedrohten sie 10% der globalen Fischarten und zehntausende Mitglieder von Naturvölkern. Den Strom, den diese Staudämme liefern sollten, würden Dinge wir Alu-Fabriken betreiben, die wiederum mit ihren Externalitäten die Umwelt weiter kontaminieren. In der Türkei waren ähnlich viele Staudämme geplant. Dabei waren Städte wie Hasankeyf von der Flutung bedroht, als Wiege der Menschheit ein Weltkulturerbe. Gleichzeit drohte die Trockenlegung von jenem Gebiet, in dem die Menschheit einst Schrift und Landwirtschaft erfand. Zehntausende Anwohner, die auf einfachste Weise leben, sahen ihre Grundlagen bedroht.

 

Windräder sind auch nicht die Antwort auf alles. Sie haben eine Betriebszeit von 20 – 25 Jahren, brauchen aber 10 – 15 Jahre, um überhaupt profitabel zu werden. Und dann wäre da noch Biodiesel. Der mehr C02 produziert als herkömmliches Benzin, da für die Zucht von Palmölpflanzen in Indonesien endlose Weiten an Regenwäldern niedergebrannt werden. Die 2500 Oran-Utangs, die dabei jährlich verhungern oder erlegt werden, sind bestimmt weit mehr als bloss ein Kollateralschaden.

 

So löblich ich die Bewegung der Klimajugend auch finde: auf diese Umstände kommt sie nie zu sprechen, sondern propagiert lieber Klimanotstände und das C02-Mantra. Sie ist meiner Ansicht nach auch etwas zu selbstgerecht in ihrer Kritik an den „Alten“, die angeblich nichts getan hatten, als sie noch selbst die Jugend stellten. Was die Klimajugend ausblendet: die „Alten“ haben tatsächlich etwas gemacht. Sie haben in den Achtzigern gegen alles Mögliche protestiert. Gegen Gorleben, gegen das Waldsterben oder gegen FCKW. Nur gab es damals kein Internet. Es gab nur die drei grossen Gate Keeper: Radio, Zeitungen und Fernsehen. Wie weit die Proteste wahrgenommen wurden, hing von deren Berichterstattung ab. Sie hatten keine sozialen Medien, in denen sie sich Gehör verschaffen konnten.

 

Und ihre Aktionen begründeten eben jene Partei, von der sich die Klimajugend die grosse Rettung erhofft: Die Grünen. Das ist weit mehr, als die Klimajugend für sich geltend machen kann.

 

Politisch will sie ja nicht aktiv werden, sondern hofft lieber darauf, dass Politiker, die für andere Themen angetreten sind und gewählt wurden, nun aus Gründen ihre Agenda ändern anstatt Kandidaten aufzustellen, die sich tatsächlich für den Umweltschutz verdient machen wollen.

 

Sie scheint auch nicht zu begreifen, dass Verzicht die wichtigste Antwort ist. Das Statement einer Aktivistin, das unlängst auf einer Zürcher Plattform veröffentlicht wurde, weist in diese Richtung:

 

«Viele wollen ihren Luxus und ihren Komfort nicht aufgeben. Darum hoffe ich, dass es durch Alternativen möglich wird, klimafreundlich zu leben, ohne gross verzichten zu müssen».

 

Die Tragik dieser Aussage kann nicht deutlich genug betont werden, denn dies ist reines Wunschdenken.

 

Wir müssen endlich begreifen, dass die Turbo-Wirtschaft, in der wir uns befinden, einer der Schlüsselfaktoren ist. Seit rund hundert Jahren crasht die Börse etwa alle zehn Jahre. Wir reden ausschliesslich darüber, dass wir nur noch 11 Jahre Zeit hätten, um den Klimakollaps zu verhindern. Dabei verdrängen wir, was vor 11 Jahren los war. Damals mussten wir alleine in der Schweiz fast 70 Milliarden aufbringen, um jene Banken zu retten, die uns diesen Schlamassel überhaupt eingebracht hatten. In den USA war das Rettungspaket zehnmal so fett. Da die gegenwärtige Spekulationsblase rund dreimal so gross ist wie jene, die 2008 platzte, kann man sich nur mit Schrecken ausmalen, wie viele Steuergelder wir diesmal aufbringen müssen, nur damit der finanzielle Sektor hemmungslos weitermachen kann, wie bisher.

 

Dieses Geld wird dann aber fehlen, um Umwelt- und Klimaschutz weiter voranzutreiben. Es wird Geld für Bildung fehlen. Geld für Forschung an wirklich nachhaltigen Energiemodellen. Und es werden Jobs und Ersparnisse verlorengehen, womit noch weniger Menschen Konsumentscheidungen fällen können, die dem ökologischen Gleichgewicht dieses Planeten zuträglich sind. Man kauft dann noch weniger lokal, sondern greift auf Importe aus dem fernen Ausland zurück, bloss weil die billiger sind. 5 Knobläuche aus China für den Preis eines einzigen Bio-Knoblauchs aus der Umgebung? Welche Wahl trifft wohl jemand, der ständig am Existenzminimum darbt?

 

Aber wir thematisieren diese Zusammenhänge nicht, weil sie uns Angst machen. Wir sprechen lieber nicht über den nächsten Börsencrash oder darüber, wie wir mit den Banken danach verfahren werden. Wir skandieren lieber das C02-Mantra. Weil es einfacher ist. Weil es uns das Gefühl gibt, etwas getan zu haben. Das ist zwar menschlich, aber leider auch fatal.

 

Wenigstens eine gute Nachricht gibt es. Die Flutung von Hasankeyf wurde bis auf weiteres vertagt. Für manche mag dies nur eine unbedeutende Kulturstätte sein, aber wir wissen, dass sich die Geschichte wiederholen wird, wenn man sie vergisst. Und was geflutet wird, exakt das wird in Vergessenheit geraten.

 

Oder anders gesagt: Klimaschutz dient hauptsächlich den wirtschaftlichen Interessen des Westens. Umweltschutz aber dient dem ganzen Planeten. Wollen wir uns wirklich nur ersterem verpflichten?

 

 

25. Juni 2019

 

 

Und dann war sie online. Die dritte Staffel der SRF-Webserie 47... 

 

 

Diesmal war die mit Abstand interessanteste Figur der WG im Fokus: der junge, dynamische, perfekt integrierte Nachkömmling türkischer Einwanderer Kuzey. Sportlich, fleissig, charmant, maskulin und mit Unternehmergeist ausgestattet. 

 

Und die Macher taten ihr Unmöglichstes, ihn fünf Folgen lang zu demütigen und zu objektifizieren. 

 

Neben dem Studium an der Hotelfachschule betreibt Kuzey ziemlich erfolgreich einen YouTube-Kanal der Kochen thematisiert. Ja! Kuzey kann kochen. Sehr gut sogar. In unseren Zeiten eigentlich eine sehr wünschenswerte Eigenschaft. Doch diese Staffel lässt kein gutes Haar am YouTuben. Das ist einerseits ironisch, weil 47 selbst eine YouTube-Serie ist. Anderseits ist es auch köstlich, weil sie vom YouTuber-Leben keine Ahnung hat. 

 

Gerade im winzigen Schweizer-Markt lässt sich davon nicht leben. Pro 1000 Klicks gibt's gerade mal 1 Rappen Revenue. Fragt mal DJ Antoine. Bei einer so kleinen Zielgruppe muss man auf Werbeverträge hoffen. Immerhin wechselt Kusey auf Hochdeutsch, aber dass Google+, das schon vor Monaten die Tore schloss, referenziert wird, ist geradezu amüsant. Die Absetzung wurde bereits letzten Herbst angekündigt. 

 

Um dem Drama Vorschub zu leisten, lässt die Serie Kuzey erst einmal die Prüfung an der Hotelfachschule versemmeln. Er gerät in ein komplett unrealistisches Szenario und muss sich anhören, sein Charme würde ihm in der Hotelbranche nichts kaufen. Dabei ist Charme im Umgang mit Kunden die halbe Miete. Ich muss es wissen. Ich habe in den späten Neunzigern einen Handy-Schalter bedient. Jeder mit einem DiAx-Abo hat sich wie ein Rockstar aufgeführt. 

 

Überhaupt wird Kuzey fünf Folgen lang von allen möglichen Frauen (und auch Männern) verlacht, herabgesetzt und patronisiert. Am zweitgarstigsten ist sein WG-Gspänli Sophie. Eine zitronensaure Besserwisserin, die während der ganzen Staffel nur ein einziges mal in Sichtweite eines Herdes gelangt, jedoch in der letzen Folge verwegen damit prahlt, angeblich besser kochen zu können als er. 

 

Kusey fokussiert sich also auf seinen YouTube-Kanal, während seine Mutter, sein Vater, ja gar die ganze WG seine Bestrebungen als lächerlich titulieren. Wie gesagt, YouTuben in der Schweiz ist nicht einträglich, aber diese Leute könnten Facebook nicht von Google unterscheiden. Aber in der Schweiz hat man gefälligst den offiziellen Bildungsweg zu gehen. Unternehmertum ist suspekt, auch wenn man sich den Hintern aufreisst, einen Mehrwert bietet und sich gelegentlich für die LGBT-Community ausspricht. Der schwule Nachbar wird später sogar bestätigen, dass Kuzeys kleines Plädoyer seinen Klickzahlen auf die Sprünge geholfen hat. 

 

Den Höhepunkt bildet ein fingierter Streit zwischen Kuzey und der garstigsten Figur der Serie, seiner Freundin: Eveylin, die Ultraprüde, die Gigaeifersüchtige, die monströs Antriebslose. Bei einem Dinner petzt sie Kuzeys Familie, dass er das Studium abgebrochen hat, wozu sie zwar jeden Grund, aber kein einziges Recht hat. Später nennt er sie eine Schlampe, sie ihn jedoch einen Verlierer. Das sind die übelsten Beschimpfungen, die sich Mann und Frau überhaupt an den Kopf werfen können, aber Evelyn warf den ersten Stein. 

 

Dennoch suhlt sie sich wochenlang in heiligster Selbstgerechtigkeit und verweigert jedes Gespräch, während Kuzey, der inzwischen seinen Kanal gelöscht hat, sich aktiv, charmant und entschlossen um eine Arbeitsstelle bemüht. Ohne dass dies irgendjemanden kümmern würde. Studienabgänger haben gefälligst keinen Erfolg zu haben ... Auch wenn dies für Steve Jobs, Bill Gates und – zumindest zeitweise – auch für Lizzy Holmes die beste Entscheidung ihres Lebens war. 

 

Immerhin kann Kuzey Evelyn zu einer Aussprache bewegen. Er entschuldigt sich, sie eine Schlampe genannt zu haben, sie bereut, gepetzt zu haben – nicht aber den "Verlierer". Die Löschung des YouTube-Kanals ist ihr nicht mal ein Wimpernzucken wert, und natürlich muss sie dem «stark und unabhängig»-Narrativ gehorchen und ihn dem Cliffhanger zuliebe zappeln lassen. 

 

Am Ende der Staffel steht Kusey ohne YouTube-Kanal, ohne Einkommensquelle und ohne Freundin da. 

 

Sein einziger Trost ist ein Geschenk seiner WG-Gspänli. Eine Frittenbude in Form eines Spielzeugs. Kusey studiert dieses und zieht eine Figur aus dem Führerhaus: Ein Miniatur-Pappkamerad, dem sein Gesicht aufgeklebt wurde. Und natürlich muss die endlos nervige Sophie dies kommentieren. «Zurück in die Frittenbude, wo du hingehörst.» 

 

Handwerklich ist (auch) an dieser Staffel nichts auszusetzen. Kinematographie, Darsteller*innen und die Produktion als ganzes bewegen sich auf sehr hohem Niveau. 

 

Aber wer – wer – denkt sich solch herablassende und realitätsferne Geschichten aus? 

 

Ich habe immer dasselbe gesagt. Die besten Filme und Serien haben ein Equilibrium (ich mach mal einen auf Milo Rau) aus weiblichen und männlichen Figuren. Fast ausnahmslos alle. Und an der Stelle sollte ich Kuzeys Schwester erwähnen. Die hat mich echt beeindruckt. Aber nicht aus den üblichen, seichten Gründen. 

 

Ich möchte auf ein Wunder hoffen, doch ich erwarte Schlimmstes vom kommenden, neuen Zürcher Tatort ...

 

 

 

24. Mai 2019

 

 

Ein paar letzte Gedanken zu Game of Thrones

 

 

Die Leute schiessen gegen die beiden Show-Runner, D&D. Sie sagen, die zwei seien miese Schreiberlinge. Und auch wenn es wahr ist, dass die achte Staffel hingeklatscht wurde, liegt es nicht an mangelndem Talent von D&D. Ich glaube, das Problem ist tiefgreifender.

 

Jahrelang hatten Produzenten versucht, Georges Bücher zu verfilmen. Den Zuschlag erhielten D&D, weil sie Jons Vater korrekt benennen konnten. Obwohl dieser bis dahin nicht in den Büchern enthüllt worden war. Nun stellt sich die Frage: Kaufte HBO allen Ernstes die Rechte an den Büchern, nur im Verlauf der Dreharbeiten die Story alleine fortsetzen zu müssen? Die Antwort kann nur lauten: Nein. Ich bin überzeugt davon, dass George bei Vertragsabschluss zusicherte, die Bücher rechtzeitig zu vollenden, damit sie in den Narrativ der Serie einfliessen würden.

Es ist bekannt, dass George jede Folge von jeder Staffel gemeinsam mit D&D entwickeln sollte. Das war der Deal. Doch bereits nach drei oder vier Folgen zog sich George zurück. Angeblich, um die letzten zwei Bücher zu schreiben. Als die erste Staffel dann gesendet wurde, eroberte die Serie die Fernsehlandschaft im Sturm. Und George muss sich gedacht haben: Wenn ich meine Bücher rechtzeitig abliefere, dann erhalte ich zwar viele neue Leser, die Show jedoch wird umso mehr Zuschauer erhalten. Leute schauen sich lieber die Verfilmung an, als das Buch zu lesen. Ist leider so.

 

Also machte er zwischen 2011 und 2019 so ziemlich alles. Schrieb zwei Bücher über Westeros, zahlreiche Kurzgeschichten, gab unzählige Interviews und spielte sogar in «Sharknado» mit. Nur für die zwei letzten Bücher, für die fand er offenbar keine Zeit. Wohl weil er warten wollte, bis die Serie zu Ende war. Damit die Bücher, anstatt neben der laufenden Serie quasi unterzugehen, danach grösstmögliche Aufmerksamkeit erhalten würden. Nach dem Desaster vom Montag ist dies wahrscheinlicher denn je. Ausserdem muss er nun den Eisernen Thron nicht mehr mit D&D teilen.

Erst vor ein paar Tagen erklärte George, dass er das zweitletzte Buch bis im Juni 2020 fertiggestellt haben wird. Dann nämlich wird er an einer Convention in Neuseeland teilnehmen. Er autorisierte gar die Veranstalter, ihn «einsperren» zu dürfen, um das zweitletzte Buch hinter Gittern zu vollenden, sollte er sein Versprechen brechen. True Story!

 

Und nun sind wir wieder bei D&D, die sich schliesslich in der wenig vorteilhaften Situation wiederfanden, den Narrativ ab Staffel fünf alleine fortführen zu müssen. Es ist wahr, dass sie jahrelang bloss sieben Staffeln hatten machen wollen, und dass George sie wenigstens dazu überreden konnte, mindestens acht Staffeln zu produzieren. Lieber wären ihm zwölf oder dreizehn gewesen, und HBO hätte nur zu gerne zehn Staffeln bezahlt, mit jeweils zehn Folgen pro Staffel.

Aber D&D bestanden darauf, dass Staffel sieben und acht nur insgesamt dreizehn Folgen haben würden. Nochmals: Sie hatten wohl keine Lust, endlos ohne Georges Hilfe weiterzumachen. Und nun kommen wir zum Kern des Problems: George gab ihnen den ungefähren Fahrplan vor. Dany dreht durch, Cersei stirbt, Jon zieht sich in den Norden zurück und, und, und. Material genug für Staffeln acht bis zehn.

 

Kleiner Abstecher: Man kann auf YouTube so ziemlich alle grossartigen Szenen aus so ziemlichen allen Filmen anschauen. Etwa die Schiesserei in Heat oder den Endkampf zwischen Tony und Thanos. Ein Trend dabei: Die YouTube-Kanäle schneiden kleine Stücke aus den Szenen, um einem Copyright-Strike zu entgehen. Und genauso fühlt sich die achte Staffel an. Als hätte jemand die achte, neunte und zehnte Staffel aneinandergereiht und hemmungslos Szenen entfernt. Der Narrativ der achten Staffel ist nämlich nicht das Problem, sondern die Ausführung. Als hätten sich D&D keine Mühe mit der Verfeinerung des Narrativ gegeben.

 

Und genau das ist das Problem.

 

Sie wollten nur noch raus aus der Nummer. Sie wollten Game of Thrones so rasch wie möglich abschliessen, um endlich rüber zu Lucasfilms zu gehen und eine neue Star Wars Trilogie zu beginnen – der Traum eines jeden Regisseurs. Genau dies ist ihr Verbrechen.

 

Viele Dummheiten in der achten Staffel hätten mit einfachen Kniffs behoben werden können. Stichwort Verfeinerung. Hätten die Glocken in der fünften Episode eben nicht geläutet, hätte Danys Ausraster viel mehr Sinn gemacht. Hätte sich Jon nach dem Mord an Dany auf den Drachen geschwungen und den Thron abgefackelt, dann bräuchten wir uns nicht zu fragen, wie ein Drache überhaupt wissen kann, was ein Eiserner Thron ist. Hätte man Jon als rechtmässigen Erben gefragt, ob er herrschen wolle, und hätte er geantwortet, dass er zu sehr durch den Wind ist und daher liebend gerne verzichtet, wäre seine Figur nicht komplett ruiniert worden. Einer Figur ihre Würde zu lassen, bedeutet, ihr eine Wahl zu lassen.

 

Auch der Verlust von Danys zweiten Drachen hätte mit ein bisschen mehr Liebe zum Detail Sinn gemacht. Sie überfliegt die Burg, die Sicht ist schlecht und sie bemerkt am gegenüberliegenden Strand ein paar Seeleute, die Geschütze auffahren. Als sie unter Feuer genommen wird, wird der zweite Drachen verletzt und Dany fackelt darauf den Strand ab. Erst jetzt tauchen am Horizont die Schiffe der Eisernen Flotte auf, und diese beginnt sich aufzuteilen. Dany muss sich entscheiden: Zerstört sie die eine Hälfte, die die Insel zu umsegeln beginnt, um ihre eigene Flotte zu retten, oder beschützt sie ihren am Strand liegenden, verwundeten Drachen?

 

Cersei und Jamie: Die beiden wären besser verschüttet worden bevor sie den rettenden Ausgang erreicht hätten, statt drei Meter neben dem rettenden (nach dem Einsturz unversehrten) Torbogen einfach aufzugeben.

 

Oder Cersei: Statt Missandei einfach abzuschlachten, hätte sie Dany besser damit gedroht, sie irgendwo in der Stadt zu verstecken, wodurch sie im Fall einer Feuerattacke zum potentiellen Opfer geworden wäre. Das Dilemma wäre perfekt gewesen: Halten wir den Hass gegenüber Cersei aufrecht oder ergreifen wir lieber Partei für sie, weil Dany im Falle einer Feuerattacke zum noch grösseren Monster als Cersei geworden wäre?

 

Das liesse sich mit einer schier endlosen Anzahl an Szenen aus der achten Staffel fortsetzen.

Und ironischerweise wäre das Endresultat das gleiche gewesen. Hätten D&D nicht unendlich geschlampt.

 

Selbst Danys Sinneswandel war seit jeher angekündigt worden. Sie hatte stets bekräftigt, das Rad brechen zu wollen, erhob aber gleichzeitig den Anspruch, auf dem Eisernen Thron zu sitzen. Ein unüberwindbarer Widerspruch. Konkret bedeutete das, dass sie unbedingt herrschen und dabei jede Konkurrenz auf der Welt ausschalten wollte. So wie sie es auf der Treppenansprache enthüllte. Es hätten ein paar Gefühlsausbrüche in der siebten Staffel genügt (in Kombination mit den stummen Glocken), um ihre Terrorattacke nachvollziehbar zu gestalten. Aber D&D wollten ihre Zuschauer um jeden Preis überraschen. Egal, ob diese Überraschungen verdient sein würden. Hauptsächlich, weil sie einfach keinen Bock mehr hatten. Spektakel und Sentiment, statt Narrativ und Logik. Man erinnere sich: die zwei hatten nicht nur zwei statt einem Jahr Zeit, die Story auszufeilen, sie mussten sogar eine Folge weniger schreiben als zuvor in Staffel sieben.

 

Und so wurde Game of Thrones, das sich meistens um Verrat gedreht hatte, selber Opfer von Verrat. Georges Verrat an D&D, und dem Verrat von D&D an George und den Zuschauern.

 

So bleibt nur dem wundervollen Schauspieler-Ensemble für seine Darbietungen zu danken. Keinen und keine von ihnen trifft irgendeine Schuld an diesem lieblosen Ausgang einer bis dahin hervorragenden Reise. Ein grosser Trost. Aber nicht der einzige. Ich wette: Sobald George die letzten zwei Bücher veröffentlich hat, werden keine zehn Jahre bis zu einer Neuverfilmung vergehen.

 

Und danach wird die Fassung von D&D nichts Anderes als geächtete Fan-Fiction sein. Ich hoffe, HBO und die Serienlandschaft als ganzes lernt aus der Sache. 1.5 Millionen Menschen haben mittlerweile eine Petition zur Neuverfilmung unterschrieben. Und auch wenn die Presse es anders interpretiert, wollen diese Menschen bloss eines ausdrücken: Hey! Diese Charaktere sind uns über neun Jahre ans Herz gewachsen. Wir haben sie in unser Leben gelassen und mit ihnen mitgefiebert. Gebt euch doch das nächste Mal etwas mehr Mühe, damit wir uns würdig von ihnen verabschieden können. Denn genau dies macht ein gelungenes Finale aus!

 

24. Mai 2019

 

 

On writing

 

 

Two friends sat on a porch one night. They were having a beer, sitting in silence, looking at the starry night sky.

 

‘Why do you write?’, one of them suddenly asked.

 

The author replied: ‘Because I can’t help it.’

 

‘That’s a peculiar answer. Most people do things because they want to do them.’

 

‘You sure about that? Do you think people study for years just to end up in an office? Passing on forms all day?’

 

‘It’s honorable work. And it pays good money. You, on the other hand, can hardly make a living off of it.’

 

‘Most people can’t these days. Even those in offices. The more you earn, the more you spend. Especially when you hate your job.’

 

‘Have you never thought about doing something else?’

 

‘Like what? Actual work?’

 

‘Well…’

 

The writer chuckled. ‘That’s the problem. People think that writing ain't working. Let alone hard work.’

 

‘Most writers I know sit around in cafés. In front of a laptop. Just staring at the screen – for the better part that is.’

 

‘That’s because writing is pondering. Mostly. If you know what you want to express, the lines practically write themselves.’

 

‘I sure feel like they do. So many writers. Writing so much stuff...’

 

‘You see, there are three kinds of writers in this world. Copywriters, journalists, and authors. A copywriter writes whatever he’s told to. A journalist writes whatever he’s allowed to. And then there’s the author. He writes whatever the hell he wants.’

 

‘Journalists do important work.’

 

‘And copywriters don’t? Leaflets, manuals, guides – no value in that?’

 

‘I mean, journalists need to stick to the truth. They need to do research. They need to present the facts.’

 

‘If that were entirely true, all newspapers would print practically the same. Journalists are just as much storytellers as we are. And you’d be amazed how much research goes into my work. But if you watched me doing it, it’d look a hell lot like me just sitting around in a café. Staring at a screen.’ He took a sip of his beer. ‘I might be allowed to choose my topics freely. At least on a surface level. But I still have to get the facts straight. I can’t just make stuff up. Even George R. R. Martin had to study the history of England intensively before he could write his saga.’

 

‘He sure is one hell of an author.’

 

‘Because he's sold a lot of books?’

 

‘A lot more than you have…’

 

‘And if I matched that, would it make me more of an author?’

 

‘Some might say.’

 

‘EL James has sold even more books than George, and some still might say, she can’t write for the life of her. Don’t ask me. I’ve only seen one of the movies.’ He coughed. ‘Lost a bet…’

 

‘I just don’t get why the world needs new books. There’s so many of them already’.

 

‘Perspective. Pitch the exact same idea to ten authors. And you’ll receive eleven scripts.’

 

‘But who will read them? It doesn’t sound very sustainable to me. More like a plethora.’

 

‘An author way smarter than me once said: writing is not a business model. It’s a lifeform. In the end, we all contribute in different ways. Copywriters tell you, how things should be. Journalists try to explain to you, why things are the way they are. Authors, however, think about how things could be. And if you want to pitch a fresh idea to the world - a new concept – you better have an airtight case. Care for another beer?’