Gesprächsrunde mit The Program-Regisseur Stephen Frears

Die Pressekollegin, die mit mir Stephen Frears im Park Hyatt Zürich befragt, erklärt, dass sie aus Frankreich stammt, jedoch in Zürich arbeitet. Woraufhin Frears wissen möchte, ob sie für die FIFA wirkt. Dies spielt direkt ins Thema des Films, weil sich jener Sportverband gerade gravierenden Korruptionsvorwürfen ausgesetzt sieht.

 

Alle meine Freunde arbeiten bei der FIFA.

 

Frears: Und was sagen die so?

 

Die haben Angst. Die wissen nicht, was vor sich geht.

 

Angst vor wem?

 

Angst davor, was aus der FIFA werden wird.

 

Die wird zugemacht. Und dann sind alle arbeitslos.

 

Ich denke nicht, dass sie zugemacht wird. Aber die Angestellten wollen, dass der Verband reinen Tisch macht.

 

Sehr gut. Wusste man denn, was da vor sich ging?

 

Man hatte keine Ahnung.

 

Bei diesem Level an Korruption?

 

Man hatte ernsthaft keine Ahnung.

 

Aber doch nur deswegen, weil man die Wahrheit nicht wissen wollte.

 

Das könnte man so sehen. Aber die meisten Mitarbeiter waren wirklich ahnungslos und überzeugt, Herr Blatter sei ein unbescholtener Mann.

 

Gleiche Geschichte (wie bei der Tour de France).

 

Ja, und darauf wollte ich Sie ansprechen. Überall wird der Sport von Leuten geführt, die Geld machen wollen. Wie kann man da Missbrauch verhindern?

 

Nun, sobald das Geld zu fliessen beginnt, gesellen sich die Gauner hinzu.

 

Und dies nicht nur im Sport, sondern überall. Leider. Nun, als ich zuvor Ben Foster interviewte, wirkte er auf mich keineswegs wie Lance Armstrong.

 

Nun erinnert er eher an an van Gogh.

 

Wie erkennt man als Regisseur, ob jemand für eine Rolle geeignet ist?

 

Nun, in diesem Fall konnte ich sehen, wie sich Bens Erscheinung immer mehr annäherte, und die Ähnlichkeit hat mich selber überrascht. Ein glücklicher Zufall, manchmal hat man Gott auf seiner Seite.

 

War er Ihre erste Wahl?

 

Er war die einzige Wahl. Es gab keinen zweiten Namen auf der Liste.

 

Aber ihm blieben nur sechs Wochen fürs Training. Das erscheint sehr kurz.

 

Wir können die Dreharbeiten auch wiederholen, wenn Sie möchten. Aber dies war nun mal der vorgegebene Zeitrahmen. 

 

Was reizte Sie an der Story? War es der Mann? Die Untersuchung?

 

Die Kriminalität. Die fand ich spektakulär.

 

Dann basierte das Drehbuch zunächst auf den Ermittlungen?

 

David Walshs Buch (»Seven Deadly Sins«) beginnt ja mit einem Interview mit dem jungen Lance Armstrong.

 

Der Film wirkt über weite Strecken aus der Perspektive eines Journalisten geschrieben, der durch frühen Kontakt mit Armstrong dessen kometenhaften Aufstieg nicht glauben kann.

 

Er trifft diesen jungen Radsportler und erkennt im weiteren Verlauf von dessen Karriere den Drogenmissbrauch. Ich meine, auch die Französische Presse wusste davon. Jeder, der was vom Radsport verstand und ihm zuschaute, wusste, dass Doping im Spiel war. Es war kein Mysterium.

 

Aber alle hielten den Mund. Und dann war da der Zwischenfall in Genf (als sein Dopingtest positiv ausfiel) und Lance es demonstrativ den Ärzten überliess, ihn etwaig für schuldig zu erklären.

 

Daran hatte aber niemand ein Interesse. Schliesslich hatte man einen veritablen Filmstar. Mit David Beckham und Rupert Murdoch verhielt es sich ähnlich. Murdochs Erfolg mit Fussball war über weite Strecken David Beckham geschuldet. Wobei ich mitnichten sagen will, dass Beckham korrupt sei, aber es zeigt, weshalb es Filmstars braucht.

 

Verspüren Sie Lance Armstrong gegenüber irgendwelche Empathie, wenn man sein psychopathisches Verhalten bedenkt?

 

Schauen Sie, er hat den Krebs überlebt und Unsummen für die Krebsforschung zusammenbekommen. Wie könnte man ihn dafür nicht bewundern?

 

Lance musste ja unentwegt sich und sein Umfeld belügen. Leider erfahren wir wenig darüber, ob er auch seine Gattin täuschen musste.

 

Eine durchaus interessante Frage: Was wussten die Frauen? Was wusste Sheryl Crow? Leider konnten wir darauf nicht eingehen, aber ich weiss genau, was Sie meinen. Als die beiden zusammen wohnten, lagerten da etwa Dopingmittel im gemeinsamen Kühlschrank? Ich habe keine Ahnung.

 

Wenn man einen Film über eine real existierende Person dreht, muss man da eine Genehmigung einholen?

 

Nein. Steht ja alles in den Unterlagen. Was will er schon sagen? Dass er niemals Drogen nahm?

 

Dann gab es zwischen Ihnen keine Kommunikation?

 

Warum würde ich ihn kontaktieren wollen? Er ist ein Lügner.

 

Für ihn hätte sich die Chance einer Abbitte geboten.

 

Ein interessanter Aspekt!  Wenn er sich den Film anschaut, wird er sich eingestehen, diese Dinge begangen zu haben? Ich weiss es nicht.

 

In den USA ist es schon lange Tradition, dass in Ungnade gefallen Prominente ihre Namen wieder reinwaschen, indem sie vor Fernsehzuschauern ein Geständnis ablegen. Das funktioniert in der Politik, der Marktwirtschaft und dem Showbiz.

 

Also unser Premierminister, Tony Blair, wurde sowas nie tun. Er würde sich niemals entschuldigen, und er hat den IS mitverschuldet. Aber Lance Armstrong wurde trotz seines Auftritts bei Oprah keine zweite Chance eingeräumt, weil er nicht wirklich um Verzeihung gebeten hatte.

 

Denken Sie, man muss ein Psychopath sein, um es zu was zu bringen?

 

Ein schrecklicher Gedanke. Ich hoffe nicht.

 

In vielen Fällen hat man das Gefühl, dass die Leute an der Spitze keinerlei Mitgefühl mehr besitzen.

 

Ist Sepp Blatter also ein Psychopath?

 

Es gäbe Anzeichen dafür. Die Art, wie er mit seinen Leuten rumspringen soll. Die Richtungen, in die Geld geflossen ist ...

 

Hier wurden gewiss Grenzen überschritten, aber man bekommt irgendwie nicht das Gefühl, dass Sepp Blatter die geringste Ahnung hat, was er anrichtet. Oder ist er sich der Tragweite seines Handels etwa doch bewusst?

 

Bitte, lassen Sie Ihren nächsten Film von der FIFA handeln.

 

Gemeinsames Lachen.



Dieses Interview erschien zuerst auf Bäckstage.ch

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Kommentare: 2
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