#Unfuck and the City

WATSON brüllt editorialen Bankrott und schnürt Rettungspakete gleich selbst

 

Frohlockend berichtet Persoenlich.com von der ersten Werbekampagne des jüngsten Schweizer Newsportals WATSON. Die stammt aus dem Hause Wirz und lautet #NewsUnfucked

Bei so viel Vulgarität braucht man nicht lange warten, bis die Medienwalze anrollt.

 

Abgesehen davon, dass «to unfuck» bereits seit den Siebzigern Teil des amerikanischen Sprachgebrauchs ist und schon 2003 offiziell von Urbandictionary.com aufgenommen wurde (also Grossvatersprache ist), vermögen die Werbemenschen das Verb nicht richtig deuten. Etwas «unfucken» heisst, etwas richten, in Ordnung bringen. Im Falle von WATSON die Nachrichtenkultur, also sich dem «einseitig gefärbten Weltbild der wenigen traditionellen Medienhäuser entgegenstellen.» Womit sie behaupten, es besser zu machen. Hm, wirklich?

 

Thema Layout. «Traditionelle Medienhäuser» (damit auch andere Online-Portale) setzen noch immer auf Sparten. WATSON arbeitet lieber mit dem Zufallsgenerator. Man weiss kaum wohin mit den Augen. Da wird der Instagram-Beitritt der Stapo zwischen das Vogelsterben in Europa und einem tödlich verlaufenen Beziehungsdrama gebettet. Da steht der Ruf nach einem wirtschaftlich ärmeren Deutschland in einer Reihe mit Emma Watsons totem Hamster und dem Interview der Seelenklempnerin eines Inzestmonsters. Man will dem «Mindfuck» den Garaus machen, verursacht aber das grösstmögliche Bewusstseinstrau-au-au-ma.

 

Weiter soll der Claim #NewsUnfucked für «echte News ohne Blabla» stehen. Klingt stark nach Wunschdenken. Ein Artikel, der sich mit dem bevorstehenden Betriebssystemwechsel bei Microsoft befasst, enthält die Bildlegende «Windows 10 wird vom Smartphone über das Tablett bis zum PC auf allen Geräten laufen.», auf bezeichnetem Foto zeigen aber alle Modelle Windows 8. Und obwohl die neue Software bereits die Woche zuvor enthüllt wurde, gibt es keinen Link - man muss schon von Hand auf YouTube gehen. Dabei steht im Titel «Hallo Windows 10». Ein anderer Artikel verspricht pikante Details über «Mr. Cumberbatchs Qualitäten im Bett». Nicht dass man die bräuchte, aber angeklickt stellt man fest, dass der Schauspieler in seiner populären Rolle als Sherlock Holmes Auskunft gibt. Clickbait – Check! Und dass die Redaktion bei kommenden Kinofilmen gerne auf Fantrailer hereinfällt, muss man stets aufs Neue feststellen.

 

Weiter heisst es in der Presseerklärung «Wir eröffnen eine neue Perspektive auf die Dinge – und das auf eine (...) unorthodoxe Art, die aufhorchen und nachdenken lässt.» Auch wenn man annehmen darf, dass der Texter gerade in den Ferien weilte und diese Definition bestimmt jede Zeitung für sich beanspruchen würde, wollen wir dennoch genauer hinschauen. Die Kampagne umfasst nämlich auch Plakate, von denen bereits zwei in der Medienmitteilung abgebildet wurden.

 

Plakat Nummer 1 titelt «Die 10 besten Partydrogen. Nummer 2 wird dich umhauen.»

Clickbait – Check! Wie leid wir doch diese Nullmeldungen auf unserer Pinnwand sind. HALT! STOP! SOFORT alles stehen und liegen lassen, denn hier sind 3 Dinge, 4 Sachen, 5 Punkte, 6 Fakten, 7 Kniffs, 8 Wege, 9 Tricks, 10 Tipps, die so genial sind, dass sie dein Hirn mit Mach 11 durch die Nasenlöcher schleudern!

 

Plakat Nummer 2 zeigt Steve Jobs in Predigerpose und die Forderung «Du sollst neben mir keine anderen Götter haben».

Weder neu noch unorthodox. Inzwischen sollte auch der Hinterletzte gemerkt haben, dass Apple und Samsung – wenngleich zwei unterschiedliche Firmen – quasi denselben Konzern bilden, so verflochten wie sie sind. Aber solch künstliche Konflikte können die Kundschaft stundenlang beschäftigen und den Aufwand niedrig halten, nicht wahr?

 

Vielleicht lässt sich der Kampagne etwas Sinn entlocken, wenn man genauer untersucht, wie WATSON das Zielpublikum versteht. «In der knappen Sprache einer neuen Generation, die unterhalten werden will und die Aufmerksamkeitsspanne eines YouTube-Clips hat.» Schwerer könnte man die heutige Jugend eigentlich gar nicht beleidigen, von der Branche vorzugsweise unter der streitbaren Bezeichnung «Digital Natives» geführt. Dieses Horror-Ideal wird von einem Clip der  MUI-Studie veranschaulicht. Nach deren Vorstellung sind moderne junge Menschen dauervernetzte, die Augen nie vom Handy wendende, das Mittagessen instagrammende, Jogging-Daten in Echtzeit auswertende, auf dem WC whatsappende, und selbst vor laufendem Fernseher Online shoppende Stimulationsjunkies, die allgegenwärtig Teil einer schönen neuen Fake-Welt sein wollen, von der sie genau wissen, dass es die Grunde gar nicht gibt. Immer erreichbar, immer in Erscheinung tretend, aber nie richtig anwesend. Höchstwahrscheinlich für solch reizüberflutete Menschen will WATSON Inhalte entwickeln.

 

Dennoch wird erklärt: «Es ist an der Zeit (...) gemeinsam eine tolerantere, klügere und gerechtere Welt zu formen.» Leider funktioniert die Welt nicht so. Man kann die grossen, komplexen Themen, die da am Horizont auf uns lauern, nicht in GIFs und Schnipsel herunterbrechen. WATSON bietet keine Informationen, auf deren Grundlage man bessere Entscheidungen treffen könnte. WATSON bietet an Konfusion grenzende Zerstreuung, doch echtes Wissen kommt gegen den Preis ungeteilter Aufmerksamkeit. Formate dieser Art generieren nur noch mehr Sklaven, Schafe und Zombies. Aber wie könnte eine Redaktion, die sich selbst so verzerrt wahrnimmt, die sie umgebende Welt halbwegs akkurat wiedergeben? Der Leserschaft dabei helfen, sich eine eigene Meinung zu bilden, wenn sie kaum je Stellung bezieht? Dem Zeitgeist so verbissen hinterher rennt, dass jegliche Seele auf der Strecke bleibt?

 

Mit #NewsUnfucked will sich WATSON als die Resistance des medialen Sherwood Forest verkaufen, doch ist das Portal längst untrennbarer Teil der digitalen Schwafelwolke aus Facebook, Instagram, Twitter und YouTube geworden, wo jeder mitredet, und im Repost-Wahn keiner mehr weiss, wer eigentlich wann wie wo was und warum gesagt hat.

 

 

Zuerst veröffentlicht in der Medienwalze im November 2014

Kommentar schreiben

Kommentare: 0