Die Prinzessin auf dem Apfel

Bekanntlich sieht es die Walze besonders ungern, wenn Medien einander Eilmeldungen ohne Prüfung weiterreichen. Speziell dann, wenn es sich um getarnte PR handelt. Erst vergangene Woche fiel die Branche fast geschlossen auf die reisserische Geschichte über zersägten Hausrat herein, die sich als Werbeaktion der Deutschen Anwaltsauskunft entpuppte. Kompliment an der Stelle. Es scheint, dass die gekürzten Recherche-Gelder gleichzeitig die Etats hiesiger Agenturen erhöhen, weil es immer einfacher wird, ganze Redaktionen für zusätzliche Flächendeckung einzuspannen.

 

Und bereits werden wieder halbe Sachen aufgetischt. So verkündet man uns dieser Tage, die Prinzessin des Pop hätte den führenden Tech-Konzern per Online-Dekret in die Kapitulation geknechtet. Egal ob die Journalismus-Erfinderin NZZ, die Wiege der Empörung CNN oder die Kinder des Gratisfötzels; alle schwärmen sie von einem historischen Sieg für die gebeutelte Musikwelt, von einem verdienten Dämpfer an die Adresse der Apple-Fanboys und (wohl indirekt) vom Triumph der Frauenpower per se. Schaut man aber genauer hin, wirkt das Skandälchen inszeniert. Handfeste Beweise gibt es dafür (noch) keine, aber die Indizien sind erdrückend.

 

Alles begann am 8. Juni, als Apple seine Pläne für einen Streaming-Dienst publik machte. Danach dauerte es geschlagene zwei Wochen, bis Popsängerin Taylor Swift via Tumblr auf die Bekanntmachung reagierte – mit einem Protestbriefchen, das die Aufmerksamkeit von Millionen auf Apples neues Baby richtete, das nicht mit Streicheleinheiten gegenüber vergangenen Errungenschaften geizte, und das im Kern keine handfeste Kritik übte. Vielmehr befand es Frau Swift einfach für unfair, dass den Musikern (und Verlagen) für die ersten drei Monate nach Startschuss keinerlei Tantiemen ausbezahlt würden. Dies sei gemein gegenüber aufstrebenden, jungen Bands, die mit dem Erlös ihrer Songs schliesslich die Spagetti und das Dach über dem Kopf bezahlen müssten.

 

Dabei weiss längst jeder, der eine Gitarre verkehrtherum halten kann, dass sich mit Streams, Klicks und Downloads kaum mehr ein Butterbrot berappen lässt. Erst neulich rechnete InformationIsBeautiful.com nach, dass man auf YouTube monatlich mindestens viereinhalb Millionen Views einholen muss, um knapp nicht zu verlumpen. Die legendären Portishead erhielten auf Spotify für 34 Millionen Klicks (umgerechnet) läppische zweieinhalbtausend Fränkli und Musiker Aloe Blacc schockierte mit der Nachricht, dass ihm 168 Millionen Klicks auf Pandora lediglich 4000 Dollar beschert hätten. Nein. Streaming-Dienste sind keine relevanten Einnahmequellen. Nicht für jene, die die Inhalte generieren. Die müssen auch weiterhin von Bühne zu Bühne ziehen, um über die Runden zu kommen. Sagt Frau Swift in ihrem Statement ja sogar selbst:

 

«Thankfully I am on my fifth album and can support myself, my band, crew, and entire management team by playing live shows

 

Live Shows. Konzertauftritte. Nicht Plattenverkäufe oder Streams. Live Shows.

 

Und so egal wie es einer Topverdienerin wie Taylor Swift sein kann, ob sie in einer goldenen Barke auf dem digitalen Strom treibt, so verdächtig hanebüchen war die Erklärung, mit der Apple zunächst alle Gewinnausschüttungen zurückhalten wollte. Das lag angeblich daran, dass der Dienst während dem ersten Vierteljahr für alle Nutzer kostenlos verfügbar ist. Sagt ein Konzern, dessen Marktwert sich nahe an der Grenze zur Billion bewegt. Sagt eine Firma, die mit iTunes das Musikbusiness nachhaltig und für die eigene Kasse süss klingend auf den Kopf gestellt hat. Sagt eine Marke, die – ungleich ihrem Erzkonkurrenten Google – keine dutzend Testballone steigen lässt, sondern Produkte und Dienstleistungen erst dann präsentiert, wenn sie ausgereift sind. Nur um jetzt so tun, als wüsste man nicht, ob sich der Aufwand nach drei Monaten rechnen würde. Besonders auffällig ist dann auch die Art, mit der Apple die Waffen streckte. Nicht mit einem Communiqué auf der eigenen Webseite. Nicht mit einem stilvollen Inserat in der New York Times. Nein. Man wehrte dem heranrauschenden Shitstorm mit einem Pfiff in der Schwafelwolke. Einem gammligen Zweizeiler auf Twitter. Ein Lehrstück in Arschigkeit.

 

Denn Apple ist nicht dafür bekannt, die Geschäftsbedingungen auf öffentlichen Druck zu ändern. Selbst wenn es um die sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen beim Grosslieferanten Foxconn geht. Schon gar nicht innerhalb von 24 Stunden. Und bestimmt nicht für Taylor Swift und ihr acht Monate altes „neues“ Album. Dafür ist die Chart-Bezwingerin – wenn man es ihr je nach Gesinnung auch gönnen würde - einfach nicht wichtig genug. Noch vor drei Jahren war sie eine von vielen Kronprinzessinnen an der Pforte von Madonnas Thronsaal. Und genau dort wird sie in drei Jahren wieder sein. Wahrscheinlich für immer. Prince Charles erklärt ihr gern warum.

 

Im Grunde geht es hier um etwas ganz anderes. Nämlich darum, dass spätestens seit U2 unübersehbar ist, wie gerne Apple die ganz Grossen der Musikbranche mit Millionenbeträgen für Produkte-Lancierungen instrumentalisiert. Man darf annehmen, dass sich Frau Swift für ihr späteres Dekret hat vorderhand bezahlen lassen, damit der Aufschrei auch die letzte Karteileiche auf Twitter zucken lässt. Schliesslich geht es nicht mehr darum, was wo gesagt wird, sondern bloss noch wie laut. Misstöne sind da zu vernachlässigen, denn Apple steht in der öffentlichen Wahrnehmung ohnehin schon mit einem Fuss auf der Dunklen Seite. So wurde man mit der ursprünglichen Reglementierung einerseits dem lädierten Ruf gerecht und reichte mit dem angeblichen Einlenken gleich noch etwas Imagepflege nach.

 

Fast schon muss man Apple gratulieren, gelingt ihnen doch mit Musikalben das, woran Google unlängst mit Büchern gescheitert war. Sich eine komplette Bibliothek einzuverleiben, sie gewinnträchtig zu vertreiben (oder auch eben nicht, um die Konkurrenz auszuräuchern) und die Urheber dabei fast komplett aussen vor zu lassen. Das hätte die eigentliche Meldung sein müssen. Vielleicht aber glauben wir seit Spotify einfach nicht mehr an die faire Kompensation einer breiten Künstlermasse und trösten uns lieber mit Stories über heroische Prinzessinnen. Selbst wenn wir spüren, dass es sich dabei um ein Märchen handelt.



Zuerst veröffentlicht auf: Medienwalze.ch

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